ARCHIV: Aus dem Gemeinderat

Nur die Ortsumgehung hilft gegen den Verkehrslärm

Erfasst von: Müller, Elke (11.06.2019)

Schon seit einigen Jahren verpflichtet die Umgebungslärm-Richtlinie der EU die Kommunen, einen Lärmaktionsplan für die Ortsdurchfahrt aufzustellen. Für die Gemeinde Kirchheim gibt es bereits einen Entwurf zum Lärmaktionsplan. 2016 zeigten Verkehrszählungen, dass auf der Bundesstraße B 27 täglich zwischen 9.000 und 18.000 Autos durch Kirchheim rauschen. Und auf der Max-Eyth-Straße – der Kreisstraße K 1625 – sind pro Tag rund 15.000 bis 16.500 Fahrzeuge unterwegs. Im Entwurf zum Lärmaktionsplan wurde als vorrangigste Maßnahme zur Lärmreduzierung im Ort die Ausweitung der zurzeit an der B 27 geltenden nächtlichen Tempo-30-Regelung auf 24 Stunden vorgeschlagen. Dadurch ließe sich der Lärm um zwei bis drei Dezibel vermindern. Die Experten hatten damals aber auch schon eine zweite, langfristige Maßnahme angeregt: Einen Lärm mindernden Straßenbelag für die Ortsdurchfahrt B 27 – auch „Flüsterasphalt“ genannt.

 

Nach einem Urteil des Verwaltungsgerichts Stuttgart können nun seit kurzem die Kommunen auch selber Lärmschutzmaßnahmen umsetzen – unter Beteiligung der Behörden. Darauf verwies am Donnerstag der vergangenen Woche im Gemeinderat erneut Bürgermeister Uwe Seibold. Die Kommunen dürfen demnach jetzt Maßnahmen ins Auge fassen, auch wenn an einer Stelle im Ort der gemessene Lärm-Fassadenpegel bis zu 5 Dezibel unter der bisherigen Marke liegt. Schon im März hatte die Gemeinde das Büro Koehler und Leutwein aus Karlsruhe damit beauftragt, bis Ende Mai eine aktuelle Lärmkartierung auf der Basis der neuen Pegelbereiche zu erarbeiten. Jetzt hat das Büro die Lärmwerte nicht nur entlang der B 27 neu gemessen, sondern auch an anderen verkehrsbelasteten Straßen und innerörtlichen Verkehrswegen, die Tempo-30-gefrustete Autofahrer potentiell als Ausweichrouten durch den Ort benutzen könnten: an der Brackenheimer Straße, der Hohensteiner Straße, der Max-Eyth-Straße sowie an der Schillerstraße und der Bahnhofstraße.

 

Letzte Woche stellte Peter Koehler vom Büro Koehler und Leutwein die Ergebnisse der Untersuchung vom Mai im Gemeinderat vor. Demnach hat sich in den Schwerpunktbereichen die Situation nochmals verschärft. Die aktuelle Lärmkartierung offenbart: Es hat an manchen Stellen im Ort punktuell eine weitere und teilweise deutliche Zunahme des Verkehrslärms gegenüber 2016 gegeben. 20 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner seien in Kirchheim den hohen Verkehrsimmissionen ausgesetzt, führte Koehler den Ratsmitgliedern drastisch vor Augen.

 

Als Lärm mindernde Maßnahme empfahl Koehler erneut die Ausweitung der bestehenden Tempo-30-Regelung auf 24 Stunden – aber nicht nur an der B 27, sondern auch an der Hohensteiner Straße und an der Brackenheimer Straße. Der Verkehrsexperte machte allerdings deutlich, dass an der Besigheimer Straße (B 27) der Pegelwert von 60 Dezibel schon jetzt auch im Nachtzeitraum überschritten wird, wenn dort Tempo 30 gilt. Dies könne die Forderung nach einem so genannten „Flüsterbelag“ rechtfertigen, so Koehler. Für die Finanzierung sei der Baulastträger verantwortlich – im Fall der B 27 also der Bund. Das Regierungspräsidium hatte der Gemeinde kürzlich signalisiert, die Kirchheimer Ortsdurchfahrt könne mit einem Lärm mindernden Straßenbelag versehen werden. An der Gemeinde würden dann allerdings die Kosten für die Erneuerung der von der Maßnahme betroffenen Straßenschächte hängen bleiben.

 

Da möglicherweise auch eine ganztägige Tempo-30-Regelung an der Ortsdurchfahrt (B 27) nicht die gewünschten Lärm mindernden Effekte bringen würde, hielt Koehler weitere Maßnahmen für angebracht: Den Einbau von Schallschutzfenstern in Gebäuden, die entlang der verkehrsbelasteten Straßen liegen und die eventuelle Ausweisung von „Ruhigen Gebieten“, in denen der Pegelwert von 55 Dezibel nicht überschritten werden darf. Birgit Riecker warf die Frage auf, ob eine Reduzierung auf 20 Kilometer pro Stunde auf der Besigheimer Straße (B 27) eine sinnvolle Lösung wäre. Dies hielt Koehler indes letztlich im Blick auf den enormen Durchgangsverkehr kaum für realisierbar. Und Seibold befürchtete bei einer solchen Maßnahme eine weitere Zunahme des Schleichverkehrs auf den Nebenstraßen im Ort.

 

Aus der Sicht des Bürgermeisters hat sich jedenfalls nach den neuesten Erkenntnissen die „Dramatik nochmals erheblich zugespitzt“, wie Seibold es letzte Woche im Gemeinderat auf den Punkt brachte. Nötig seien mithin ebenso ein Förderprogramm für den Einbau von Schallschutzfenstern wie der Einbau eines „Flüsterbelags“ auf der B 27. Riecker sah sich am Ende genötigt, erneut auf die Notwendigkeit einer Westumgehung um den Ortskern hinzuweisen. „Die bislang vorgeschlagenen Maßnahmen reichen nicht“, lautete ihr nüchternes Urteil. Damit traf sie auf einhellige Zustimmung im Ratssaal. Denn letztlich empfanden alle Anwesenden: Gegen den Verkehrslärm hilft langfristig nur die Umgehungsstraße.

 

Mit den jetzigen Ergebnissen der neuen Lärmkartierung will die Gemeinde nun nochmals in die Auseinandersetzung mit den Behörden gehen. Im Moment befindet sich die Gemeinde Kirchheim bezüglich ihrer Forderung nach einer ganztätigen Tempo-30-Regelung an der B 27 allerdings immer noch in der Warteschleife. Die Landesbehörde will erstmal noch untersuchen, ob der als Auswirkung der ganztägigen Tempo-30-Regelung zu erwartende Schleichverkehr durch andere Straßen im Ortskern an den jeweiligen Stellen zu Lärmproblemen führen und ob es durch die „Verlagerungsverkehre“ zu Verkehrssicherheitsproblemen in den Nebenstraßen kommt.

 

Der Gemeinderat stimmte am Donnerstag letzter Woche nicht nur dem aktualisierten Entwurf zum Lärmaktionsplan zu, sondern genehmigte auch die Beteiligung der Öffentlichkeit und Träger öffentlicher Träger am weiteren Verfahren. Jetzt wird der Entwurf zum Lärmaktionsplan für einen Monat öffentlich ausgelegt. Die Bürgerinnen und Bürger können dann ebenso wie die öffentlichen Träger ihre Stellungnahmen dazu abgeben. Danach werden die Stellungnahmen abgewogen und eventuelle Änderungen im Lärmaktionsplan-Entwurf vorgenommen. Am Ende steht dann irgendwann die Verabschiedung des Entwurfs zum Lärmaktionsplan durch den Gemeinderat. Und – hoffentlich – die zügige Realisierung von Maßnahmen zum Lärmschutz.