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Mit Europa- und Landeshilfe: Weinsortenversuche auf den Neckarterrassen gestartet

Erfasst von: Grieb, Petra (24.06.2019)

Auf der Weinterrasse hoch über dem Neckar fiel der offizielle Startschuss für das EIP-Agri-Projekt „Steile Weine“, das eine Neuausrichtung des Steillagenweinbaus in Württemberg mit Hilfe der Europäischen Innovationspartnerschaft „Landwirtschaftliche Produktivität und Nachhaltigkeit“ unterstützen soll. Agrar-Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch pflanzte an ihrem Geburtstag im Weinberg von Frank Braun einen „Satin Noir“-Stock.

Carmenère, Tannat, Marselan, Nero d’Avola, Satin Noir. Für schwäbische Ohren klingt das nicht nach Trollinger. Es sind vielmehr Versuchssorten, die angesichts des Klimawandels die Steillagen am Neckar attraktiv machen könnten. „Wir wollen den Trollinger nicht aus den Steillagen heraus nehmen“, meinte Dietrich Rembold von den Lauffener Weingärtnern, Leadpartner der operationellen Gruppe. „Wir müssen andere Sorten probieren, schauen wie sie hier gedeihen und wie sie im Keller behandelt werden müssen. Durch eine intensive Verbraucherbefragung wollen wir zudem wissen, was der normale Weintrinker von diesem Projekt erwartet.“ Nach der Förderzusage der EU und des Landes haben einige Wengerter zwischen Mundelsheim und Lauffen in kleinen Flächen in Steillagenweinbergen mit viel Enthusiasmus neue Sorten gepflanzt. Sie erhalten keine besondere Förderung, sondern die Fördermittel in Höhe von rund 475 000 Euro gehen in die wissenschaftliche Begleitung der Versuche. So bekommt beispielsweise die Versuchsanstalt in Weinsberg Geld für Personal und die Beschaffung neuer Technik wie einem Miniaturmaischebehälter. Und die Hochschule Geisenheim wird bei Studien zur Vermarktung unterstützt. Agrar-Staatsekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch berichtete, dass erst die dritte Antragsstellung zum Erfolg geführt hat: „Neben der Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit geht es auch um Nachhaltigkeit in der Bewirtschaftung, Digitalisierung beispielsweise bei der Unkrautbekämpfung und die Bioökonomie, also die Verwendung von Nutzpflanzen.“ Der enge Kontakt zwischen Praxis und Wissenschaft werde durch die operationelle Gruppe „Steile Weine“, zu denen die Weingärtner Lauffen, die Felsengartenkellerei und die Weingärtner Stromberg-Zabergäu sowie private Weinbaubetriebe, das Weininstitut, die LVWO Weinsberg, das Landratsamt Ludwigsburg und die Hochschule Geisenheim gehören, gesichert. „Die Steillagen brauchen ein Leuchtturmprojekt, um der Stimmung ‚alles geht den Bach runter‘ entgegenzustehen“, forderte Gurr-Hirsch. „Wir brauchen einen alternativen Weg mit Wertschätzung und Wertschöpfung, damit der Steillagenweinbau wettbewerbsfähig wird.“

 

 

Der Präsident des Württembergischen Weinbauverbands Hermann Hohl sicherte zu, dass die Branche weiterhin mit Herzblut und Engagement am Erhalt der Steillagen mithelfen wird. „Hier können neue Sorten eine Heimat finden. Am Ende muss der Wengerter mit dem Wein das Geld verdienen, was die mühselige Handarbeit in Steillagen auch kostet – unabhängig von Förderungen.“

Die Kirchheimer Bürgermeisterstellvertreterin Birgit Riecker wies auf die wunderbare Landschaft hin. „Wir müssen die Steillagen als Kulturlandschaft erhalten, auch wenn immer mehr Weinberge zu verbuschen drohen und die Unterhaltung der Mauern einen riesigen Aufwand verursacht.“ Attraktiv findet sie die Aussicht auf Bioweine aus Steillagen. Mit dem Versuchsanbau von Satin Noir, einer neuen Rotweinsorte aus der Schweiz, bei der Cabernet Sauvignon mit Resistenzpartnern zu einer pilzwiderstandsfähigen Sorte gekreuzt wurde, möchte Frank Braun, der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Weingärtner Stromberg-Zabergäu, auf die Nachfrage bei den Verbrauchern reagieren. „Das Projekt signalisiert eine Aufbruchsstimmung. Wir alle müssen um die Steillagen kämpfen“, sagte Riecker. Dr. Götz Reustle von der Felsengartenkellerei, der die Koordination der operationellen Gruppe übernommen hat, sah wie die anderen Weinbauvertreter die Notwendigkeit, dem Steillagenwein aus Württemberg ein Alleinstellungsmerkmal zu geben. „Wenn alles gut läuft, muss es heißen: der Wein ist von den Neckarterrassen.“ Dazu beitragen kann auch ein anderer Versuch, die Veredelung bestehender Sorten.