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Worte zur Totengedenkfeier am vergangenen Sonntag

Erfasst von: Grieb, Petra (21.11.2022)

Der Schriftsteller Franz Kafka notierte am 1. August 1914 in seinem Tagebuch: „Deutschland hat Russland den Krieg erklärt. Nachmittag Schwimmschule.“ Mit dieser uns heute unfassbar abgeklärt und emotionslos erscheinenden Formulierung drückte Kafka damals die Erwartung vieler seiner Zeitgenossen aus: Ein kurzer, erfolgreicher Waffengang wie 1870/1871 im deutschfranzösischen Krieg mit anschließender Rückkehr zur friedlichen Normalität: Das war die Erwartungshaltung des überwiegenden Teils der deutschen Bevölkerung in den ersten Augusttagen des Jahres 1914.

Doch es kam anders. Es begann ein vierjähriges blutiges Massensterben mit Millionen Toten. Es wurde die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, wie sie der amerikanische Historiker und Diplomat George Kennan bezeichnet hat.

 

108 Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges und 83 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkrieges, gedenken wir der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Wir erinnern an die Soldaten, die zivilen Kriegsopfer, die Opfer von Massakern und Genoziden. Wir denken an die Toten der Diktaturen. Wir denken an die Opfer der machtpolitisch, wirtschaftspolitisch und ideologisch motivierten Kriege seit 1945. Das verheerende Leid dieser blutigen Konflikte macht uns auch heute noch nahezu sprachlos vor Betroffenheit. 

 

Besonders betroffen macht uns in diesem Jahr die traurige Tatsache, dass seit dem Krieg auf dem Balkan in den 90er Jahren wieder ein großer Krieg in Europa stattfindet. Waren bis zum 24. Februar bereits über 10.000 Menschen vor allem im Osten der Ukraine getötet worden, sind seitdem tausende weitere hinzugekommen. Noch viel mehr wurden verletzt und traumatisiert.

 

Aber auch in anderen Teilen unserer Welt wurden 2022 Menschen Opfer von Krieg und Gewalt: In Äthiopien tobt ein Bürgerkrieg, in dem alleine in diesem Jahr ca. 100.000 Menschen getötet wurden. Im Jemen sind seit 2015 um die 400.000 Menschen gestorben, auch in diesem Jahr mehrere tausend. Ähnlich traurig ist die Bilanz in Myanmar oder Afghanistan oder aktuell im Iran.

 

 

Am Volkstrauertag wie auch am vergangenen Totensonntag, gedenken wir aller Toten von Krieg und Gewaltherrschaft in Deutschland und weltweit. Doch in diesem Jahr denken wir besonders an die Kriegstoten und ihre Angehörigen in der Ukraine: die vielen gefallenen Soldaten und getöteten Zivilisten. Unser Gedenken gilt auch den getöteten russischen Soldaten, die diesem verbrecherischen Krieg nicht ausweichen konnten.

 

Das Leid der Menschen in diesem Krieg macht uns besonders betroffen, weil es in Europa stattfindet, weil es medial so präsent ist und weil wir die Auswirkungen dieses Krieges noch direkter spüren als die anderer Kriege: Fast eine Millionen Menschen aus der Ukraine sind zu uns geflüchtet, manche von uns haben persönlichen Kontakt zu ihnen. Ihr Schmerz, ihre Angst um ihre Lieben berühren uns sehr.

 

Bei aller Wut auf die russische Invasion und aller Verzweiflung angesichts der Zerstörung und des Mordens gilt es auch nach dem zu fragen, was wir versäumt haben. Damit meine ich Wege zur Deeskalation, Mittel zur friedlichen Verständigung. Es verdient all unsere Kraft und Phantasie, gewalttätige Auseinandersetzungen so schnell wie möglich zu beenden.

 

„Jeder Krieg ist eine Niederlage des menschlichen Geistes“, so hat es der Autor Henry Miller ausgedrückt. Wir können den Frieden nur bewahren und wiederherstellen, wenn wir aktiv für ihn eintreten. Dieser Weg ist schwierig, mühsam und voller Hindernisse. Aber er ist alle Mühen wert. „Selig sind die Friedensstifter, denn sie werden Gottes Kinder heißen!“.

 

Unsere gemeinsame Erinnerung am Volkstrauertag, oder wie bei uns, am Totensonntag, an die Millionen Toten muss uns die persönliche Aufforderung sein, tagtäglich den Weg des Friedens zu gehen und uns für Frieden und Verständigung einzusetzen im Großen, aber auch im Kleinen – in unseren Familien und Freundeskreisen, in der der Nachbarschaft, in unserer Gesellschaft. Setzen wir uns überall, wo wir es können für Frieden, Verständigung und Versöhnung ein.

 

Ihr

Uwe Seibold

Bürgermeister

 

 

Die Totengedenkfeier fand am vergangenen Sonntag in der Aussegnungshalle des Friedhofs statt.

Ein herzliches Dankeschön geht an die Bläsergruppe des Musikvereins und die Young Chorporation, die die Feier musikalisch umrahmt haben.